bv Groß Heide. Manchmal beginnt große Kunst mit einer Plastiktüte. Nicht irgendeiner Plastiktüte allerdings, sondern mit einem Original von Joseph Beuys. Bemalt, beschrieben, versehen mit politischen Botschaften und den typischen Zeichen des Aktionskünstlers, der auf der Tüte seine Idee der “direkten Demokratie” mit dem Parteienstaat vergleicht, eine Arbeit für die documenta 5, der berühmten Ausstellung für Gegenwartskunst in Kassel, im Jahr 1972. Beuys war der exzentrische Superstar der deutschen Nachkriegskunst, der mit Filzhut und Anglerweste die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ quasi erfunden hat. Bekannt wurde er als radikaler Weltverbesserer, der Fett, Honig und Filz salonfähig machte und mit bizarren Performances die Republik spaltete. Der Auftritt von Beuys auf der documenta 5 gilt als einer der legendärsten Momente der modernen Kunstgeschichte. Er nutzte die 100 Tage der Ausstellung nicht, um traditionelle Skulpturen zu zeigen, sondern um seinen „erweiterten Kunstbegriff“ radikal in die Praxis umzusetzen. Beuys richtete im Museum Fridericianum die Geschäftsstelle seiner „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ ein und war an allen 100 Tagen der Ausstellung persönlich anwesend. Er debattierte ununterbrochen mit Ausstellungsbesuchern über Politik, das Parteiensystem, Bildungsreformen und soziale Gerechtigkeit.
Dabei entstand auch die Tüte, die nun im ZDF versteigert wurde. Das Exemplar ist sogar handsigniert. Gekauft wurde das ungewöhnliche Stück für gerade einmal 450 Euro von Kunsthändler Anaisio Guedes – bei „Bares für Rares“, der beliebtesten Sendung im deutschen Fernsehen. „Für einen echten Beuys fand ich das sensationell günstig“, sagt Sybille Homann und lacht.
Die Glaskünstlerin aus Groß Heide kennt solche Geschichten inzwischen. Bereits zum zweiten Mal arbeitete sie mit dem Hamburger Kunsthändler Anaisio Guedes zusammen, den Millionen Fernsehzuschauer aus der ZDF-Sendung kennen. Schon im vergangenen Jahr hatte Guedes einen alten Teewagen ins Wendland gebracht, den Homann für die “Bares-für-Rares”-Sendung “Händlerstücke” in ein leuchtendes Kunstobjekt verwandelte. Diesmal stand jedoch kein Flohmarktfund auf ihrem Arbeitstisch, sondern ein Stück Kunstgeschichte.
„Anaisio fragte mich: Was macht man jetzt damit?“, erinnert sich Homann. Die Frage war berechtigt. Eine Plastiktüte ist zunächst einmal genau das: eine Plastiktüte. Aufrollen? In einen Bilderrahmen pressen? Keine Lösung. Zumal Beuys beide Seiten gestaltet hatte, erklärt Homann. „Und aufschneiden kam sowieso nicht infrage.“ Also begann das, was sie an ihrer Arbeit besonders liebt: das Tüfteln.
Gemeinsam entwickelten Guedes und Homann die Idee einer drehbaren Glasvitrine. Das Objekt sollte die Tüte schützen und ermöglichen, sie von beiden Seiten zu betrachten. Homann baute die Vitrine und montierte alles in ihrer Werkstatt. Dann die nächste Herausforderung: „Wir dachten, wir hängen die Tüte einfach hinein“, erzählt sie. „Aber dann hing sie da und schlabberte herum.“ Die Beuys-Tüte erwies sich als widerspenstig. Also wurde experimentiert. Eine Plexiglasscheibe im Inneren der Tüte sorgte am Ende für Spannung und Form. Diese Prozesse faszinieren die Industriedesignerin seit Langem, “und die Beuys-Tüte war eine besondere Begegnung”. Natürlich habe sie sich dafür auch mit dem weltbekannten Künstler und seinen Aktionen beschäftigt, auch deshalb habe sie großen Respekt vor dem Objekt gehabt. Schließlich sollte die Präsentation die Kunst unterstützen – nicht überdecken. Der Kontakt zu dem charismatischen Händler entstand über eine Ausstellung in Hamburg. Inzwischen verbindet beide eine kreative Zusammenarbeit. Guedes, dessen Lebensgeschichte vom Aufwachsen im brasilianischen Regenwald bis zur eigenen Galerie am Hamburger Flughafen reicht, schätzt Homanns Blick auf die Dinge. Und Homann schätzt die Begegnungen mit Objekten, die sie sonst nie in die Hände bekommen würde. Die Ausstrahlung in der ZDF-Reihe „Händlerstücke“ sieht sie gelassen. Reich werde man durch solche Auftritte nicht. Dennoch freue sie sich über die Aufmerksamkeit: „Vielleicht schaut jemand die Sendung und entdeckt dadurch meine Arbeit.“
Zu sehen ist “Händlerstücke” vom 3. Mai in der ZDF-Mediathek.


