Neu: zweite Gruppe im Grünen

Wegen großer Nachfrage: Waldkindergarten Gartow wurde erweitert

bv Gartow. Monique Festing und Dorothea Fabel sind umringt von einer Horde Steppkes, deren rote Nasen in der Sonne um die Wette leuchten. Vergnügt klettern die Kleinen auf eine Art Tipi aus Baumstämmen. Danach nehmen sie Platz auf einem Holzstapel, Gruppenbild für die Zeitung, die beiden Waldpädagoginnen sitzen links und rechts. Wir sind im Forst in Gartow, gegenüber dem Schloss, Richtung Nienwalde rechts des Deiches gelegen, in der Nähe einer kleinen Siedlung.

Im Jahr 2015 wurde die erste Gruppe eröffnet. Inzwischen sind die ­Plätze im Waldkindergarten „Dachse“ so begehrt, dass sich die Elternini­tiative entschieden hat, eine zweite Gruppe zu eröffnen. Aus rechtlichen Gründen sei es aber nicht möglich, „einfach so“ eine neue Gruppe ins Leben zu rufen, erläutert Pädagogin Fabel, die die erste Gruppe aufgebaut und von Anfang an geleitet hat. „Das erfordert vielmehr eine europaweite Ausschreibung“ – mit neuem Konzept, neuem Team, einem neuen Standort und einer strengen Prüfung. „Laut Vorschrift musste ein anderer Platz her, mit eigenem Wagen – die Gruppen dürfen sich nicht vermischen. Immerhin waren wir die einzigen Bewerber, aber wir mussten uns dem Prozess stellen.“ Und der hatte es in sich: Ein Bewohner der Waldsiedlung war strikt gegen eine zweite Gruppe, die Untere Naturschutzbehörde hatte Einwände wegen einer seltenen Käferart. Die Folge: „Im Sommer stand das Vorhaben tatsächlich auf der Kippe.“ Aber es gab ein Happy End und nun eine weitere Gruppe – in räumlicher Nähe, aber mit eigenem schicken Bauwagen, vom Landkreis gestellt, und eigenem Erzieherteam, darunter Anne Persicke.

Nach erfolgtem Zuschlag im Februar 2021 begann die konkrete Planung, berichtet Fabel, und bereits im August konnte die neue Gruppe mit jungen Kindern ab drei Jahren starten. Was in beiden Gruppen gleich ist: „An keinem anderen Ort als in der Natur kann Bewegung so ganzheitlich wirken und so lustvoll erlebt werden“, betont Fabel.

Sozialkompetenz, Bewegung, Sprachentwicklung, ganzheitliche Sinneswahrnehmung, Selbstbewusstsein, ökologisches Bewusstsein, Entstehen und Vergehen als Naturgesetz und sogar Religion – all das sind Faktoren, die in der Waldkindergarten-Pädagogik eine Rolle spielen. Um eine gute grobmotorische Entwicklung zu nehmen, ist der Wald „wie ein großer Abenteuerspielplatz, der bereits durch die Unebenheiten den Gleichgewichtssinn schärft. Überall bieten sich Kletter-, Hangel-, Balancier-, Kriech- und Springmöglichkeiten. Das Kind ist in seiner gesamten Motorik gefordert, ohne durch vorgefertigte Strukturen überfordert zu sein. So kann das Kind eine gute Körperkoordination entwickeln. Das unbefangene Ausagieren an der frischen Luft trägt maßgeblich zu Ausgeglichenheit bei. Die Erzieherinnen nehmen sich aufmerksam beobachtend zurück, „zugunsten der pädagogischen Wirkungskraft der Natur und der kreativen Kräfte, die jedem Kind innewohnen“. Eine besondere Bedeutung verdiene der Faktor Zeit: „Schon die jüngsten Kinder sind mit der Hektik und dem Termindruck der Erwachsenenwelt konfrontiert. Deshalb planen wir den Tagesverlauf großzügig. Mit dem Eintritt am Morgen in den Wald beginnt die Zeit der Geruhsamkeit. Hier gilt im wahrsten Sinne des Wortes, dass der Weg das Ziel ist. Alles möchte wahrgenommen, erforscht, beobachtet und berührt sein. All dem geben wir Raum. Aus diesem Grund bieten wir bewusst wenige, aber zuverlässige Strukturen, die dem Kind Sicherheit geben. Wir verstehen uns nicht als Animateure, sondern als liebevolle, respektvolle und vorbildbewusste Begleiter“, erläutert Dorothea Fabel.

In der Natur werden alle Sinne angesprochen, der Körper immer zu Aktivität verlockt. Alles Erlebte wird voller Eifer zum Ausdruck gebracht. Obgleich die Kinder vertraute Plätze aufsuchen, sei doch kaum ein Tag wie der andere – die Jahreszeiten, das Wetter, die Tiere und Pflanzenwelt sorgen für Abwechslung. Es gibt so viel Geheimnisvolles, Schönes, Überraschendes, ­Ekliges, Trauriges, Bestaunenswertes und Spaßiges. Viele Situationen erforderten Rücksichtnahme, so Fabel: „Die jüngeren Kinder gehen langsamer, ein Kind möchte etwas beobachten oder muss seine Notdurft verrichten – übrigens mit Schaufel im Wald. So lernen die Kinder, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Zudem werden sie sensibel für die Bedürfnisse anderer.

Auch bewältigen die Kinder im alltäglichen Stil vieles gemeinsam, sie schleppen einen Baumstamm, bauen eine Behausung oder einen Steg über einen Graben – gemeinsam wird erlebt und – auch schlechtes Wetter, Kälte, ­Hitze – durchlebt. Das fördert das Miteinander.“

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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