Projekt Bruderhahn vorbei

Biolandwirt aus Weitsche laufen die Kosten davon

bv Weitsche. Voller Elan startete Biolandwirt Hagen Voß aus Weitsche seine Bruderhahn-Aufzucht vor einigen Wochen. Entschuldigung, seine – was? „Bruderhähne sind männliche Küken aus der Legehennenbrüterei, die laut neuer Verordnung bald nicht mehr getötet, sondern aufgezogen werden müssen. Bisher eine absolute Ausnahme, weil weltweit fast ausschließlich Hühner gezüchtet werden, die entweder im Akkord Eier legen oder Fleisch ansetzen“, erläutert Voß.

Zum Hintergrund: Die von vielen Verbrauchern als unethisch empfundene Praxis, männliche Küken zu töten, wird per Gesetz beendet. Der Deutsche Bundestag hat dafür im Mai dieses Jahres das Gesetz zum Verbot des Kükentötens beschlossen. Damit werde, so Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, Deutschland weltweit Vorreiter auf diesem Gebiet. Jedes Jahr werden allein in Deutschland etwa 45 Millionen männliche Hühnerküken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Die weiblichen Küken wachsen zu Legehennen heran. Wirksam wird das Gesetz in wenigen Wochen – Anfang 2022.

„Hagen Voß ist einer der Ersten in ganz Norddeutschland, der sich schon jetzt traut, diese neue Verordnung umzusetzen“, betonte Harald Rasch vom Verband Bioland, als im September der erste Durchgang in Weitsche im Stall und auf der Wiese startete und die ersten Bruderhähne einzogen.

Doch nach diesem ersten Durchgang mit 3 000 Küken ist auch gleich schon wieder Schluss. Warum? „Das ist leider ganz einfach: Die plötzlich massiv gestiegenen Heiz- und Futterkosten machen das Ganze vollends unrentabel“, betont Voß. „Ich muss zum Beispiel den Stall heizen. Bei einem Heizölpreis von 45 Cent war das machbar – jetzt sind wir bei 90 Cent. Beim Futter ist es ähnlich.“ Voß hat sich dazu entschieden, die Notbremse zu ziehen und künftig nur noch seine eigenen wenigen Bruderhähne aufzuziehen. Aber nicht mehr die ursprünglich geplanten 10 000 Stück pro Jahr.

Voß, der seit Mitte des Jahres 800 Bioland-Hühner auf einer großen Wiese hinter seinem Hof in Weitsche Nr. 14 laufen lässt, wollte ursprünglich parallel das ganze Jahr über Bruderhähne aufziehen – ein Durchgang sollte 14 Wochen dauern. Es war alles vorbereitet: Bruder und Schwester begegnen sich nicht direkt, beide Fraktionen leben in getrennten Bereichen. Für Voß bedeutete die Aufzucht der Bruderhähne von Anfang an nicht nur größeren Aufwand – er hat einen ehemaligen Kuhstall als Hühnerstall umgebaut –, mehr Futter und langsamere Gewichtszunahme, sondern auch ein finanzielles Risiko. Denn die Mast eines Bruderhahns war damals schon fast doppelt so teuer wie die eines Masthähnchens. „Das war also schon vor den plötzlich massiv gestiegenen Kosten kein sehr rentables Geschäft“, betont Voß.

Nun rechne es sich gar nicht mehr – es bleibt die spannende Frage, wie die Industrie auf die gesetzlichen Anforderungen und die Mehrkosten reagiert. „Das passt nicht“, betont Voß.

Frage an den Neu-Biolandwirt Hagen Voß, nebenbei auch amtierender Schützenkönig in Lüchow: „Sie galten bisher als überzeugter konventioneller Landwirt. Woher der Gesinnungswandel?“ Voß: „Ich habe fast 20 Jahre als Helfer auf Biohöfen gearbeitet und dort gesehen: Es geht auch anders. Ich wollte nicht länger Sklave der Großindustrie – Stichwort Bayer – sein. Wer deren Saatgut möchte, muss auch die Spritzmittel kaufen. Auch ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Bio inzwischen viel höher. Deswegen habe ich mich entschieden, einen Biohof zu betreiben. Und es läuft gut. Für mich sind tatsächlich ethische Motive ausschlaggebend. Meine Hennen führen ein tolles Leben auf der großen Wiese. Sie scharren im Gras, baden im Sand, haben Biofutter, Sitzstangen und große Familiennester. Warum soll das den männlichen Tieren vorenthalten werden? Auch diese dürfen bei mir Tier sein, sie können wesensgemäß heranwachsen. Auch, wenn es jetzt nur noch 800 pro Jahr sind.“

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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