Das Herz steckt in den Wurzeln

Faszinierende Baum-Peter-Wohlleben-Tour mit Kenny Kenner in der Göhrde

bv Göhrde. Im Wald geschehen die erstaunlichsten Dinge: Bäume tauschen Botschaften aus. Sie umsorgen nicht nur liebevoll ihren Nachwuchs, sondern pflegen auch alte und kranke Nachbarn. Bäume haben ein Gedächtnis, empfinden Schmerzen und bekommen sogar Falten und Sonnenbrand. Peter Wohlleben, Deutschlands bekanntester Förster, schrieb Bestseller über diese Phänomene. Hotelier Kenny Kenner aus der Göhrde unternimmt regelmäßig Touren durch die Göhrde, Norddeutschlands größten zusammenhängenden Mischwald, wo er dieses Wissen an spannenden Beispielen lebendig erläutert und das Staunen über die Wunder der Natur vermittelt – an Besucher aus der ganzen Bundesrepublik.

Gleich der Auftakt ist faszinierend. Kenny Kenner, bekennender Fan von Peter Wohlleben, führt die Gruppe Interessierter an den Rand eines Forstes. Dort, wo der echte Wald beginnt. „Wir Deutschen lieben seit der Romantik nämlich nicht den Wald. Wir lieben den Forst“, erläutert Kenner. Aber dazu später.

„Weiß jemand, was das ist?“ Kenner deutet auf ein pilzförmiges, bemoostes Etwas, rund 30 Zentimeter hoch. „Ein Pilz, ein Schwamm vielleicht?“, mutmaßen Einige. „Das ist eine Douglasie“, so die Erklärung. „Die wurde als junger Baum vor 40 Jahren bei der Durchforstung abgesägt. Sie hat aber nicht aufgegeben“, so Kenner: „Das ist ein vollständiger, lebender Baum. Er hätte sehr vielen Bakterien, Pilzen und Insekten als Nahrung gedient. Stattdessen schickte er ein SOS an die Umgebung – über das verzweigte Wurzelwerk. „Ich brauche Hilfe.“ Die anderen Douglasien halfen ihr. Denn alle Douglasien ringsherum sind miteinander vernetzt, kommunizieren miteinander. Die anderen Bäume schickten ihr Hilfe in Form von etwas, was sie mit Hilfe von Photosynthese produzieren können: Zuckerwasser. Der Stumpf verschließt dank dieser Hilfe seine Wunde – er selber kann keine Photosynthese mehr betreiben – und überwallt.

„Er setzte sich diese Mütze auf und überlebte. Als Gegenleistung gibt er das Wasser, was er dank seiner Wurzeln noch pumpen kann, an die anderen ab. Er fungiert also als zweite Pumpe für die anderen.“

Was ihn fasziniere, sei dieser Lebenswille: „Das Herz eines Baumes scheint in den Wurzeln zu stecken, anders sei so eine Leistung kaum erklärbar. Und dieses Herz kann noch viel mehr, erklärt Kenner. Ein Baum muss viel leisten. Er muss die Tageslänge messen und entscheiden, wann er im Frühjahr die Knospen austreibt, ohne Gefahr zu laufen, dass sie absterben.

Douglasien wurden vor Jahrzehnten der Wirtschaftlichkeit wegen aus Nordamerika importiert. Wegen des Klimawandels scheint ihre große Zeit in der Göhrde aber inzwischen vorüber. Was die Wanderer noch lernen: Bäume scheinen zu wissen, wann der Frühling wirklich beginnt. Sie scheinen zahlreiche Informationen abspeichern zu können, sie unterstützen sich gegenseitig in ihrem Revier, mögen aber keine Konkurrenz von anderen Baumarten. Akazien schützen sich vor Fressfeinden, indem sie Gift in ihren Blättern einlagern – innerhalb von Stunden. Und schützen so auch andere Bäume im Umkreis von Hunderten Metern. Es gibt ein Sozialleben unter Bäumen, aber ebenso Eigenbrödler, die lieber für sich stehen.

In der Göhrde gibt es Fichten, die sich sich über „Bodenabsenker“ klonen: ein Ast berührt den Boden und dort wächst ein neuer, genetisch identischer Baum heran. So gibt es in Nordeuropa Fichten, besser: Fichtensysteme, die viele tausend Jahre alt sind. Bäume, die aus Samen wachsen, sind hingegen nicht genetisch identisch mit dem Mutterbaum, erläutert Kenner.

Dann gibt es Mutterbäume, die ihre kleinen Zöglinge im Schatten beim Wachsen und Lernen helfen, damit diese nicht zu schnell über ihr Ziel hinausschießen. Wir lernen, dass die Deutschen seit der Romantik den Forst lieben, nicht aber den echten Wald – „Wald, dass ist dort, wo der Mensch nicht eingreift. Das haben wir in Deutschland nur noch zu zwei Prozent“. Und vielen dieser Unterschied nicht bewusst ist. Dass in der Göhrde bei Röthen ein Förster und Landschaftsgärtner vor über 100 Jahren experimentell einen Wald, den Kellerberg, formen durfte, von dessen Schönheit wir heute profitieren. Dass Aufforsten nicht das beste Mittel gegen Waldsterben ist – und vieles mehr.

Der Diplom-Psychologe Adnan Peter Duru aus Hamburg, öfter zu Gast im Wendland, fasste es so zusammen: „Es ist dieses detaillierte Wissen, welches Kenner vermittelt, was etwas in der Grundeinstellung ändert. Dieses Wissen schafft ein neues Raster, um Aussagen in Medien zum Thema Wald besser zu bewerten.“

Redaktion Kiebitz 05841/127 422 vogt@ejz.de

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