Über Traditionen und Geschichte

Einst zum Schutz der Bürger und der Stadtgrenzen

rs Lüchow. „Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker nichts aus der Geschichte gelernt haben“, hat der deutsche Philosoph G. W. F. Hegel (1770 – 1831) gesagt – und ist damit topaktuell. Dies liegt aber nicht in der Geschichte selbst begründet, sondern in dem Unwillen oder der Unfähigkeit der Menschen, Schlüsse zu ziehen. Geschichte kann mehr sein als Geschichten, sogar eine Handreichung für das eigene Woher und Wohin. Gerade ein Schützenverein oder eine Gilde lebt von und mit der Geschichte, muss diese interpretieren und für sich fortschreiben. Die Lüchower Gilde bildet dabei keine Ausnahme.

Anhand zweier Beispiele wird anschließend in die Historie der Lüchower Gilde eingetaucht: Märsche und Kompanien. Einst hatten die Märsche der Schützengilde, die zum Schutz der Stadt und ihrer Besitzungen bestimmt war, eine völlig andere Funktion als heute. Dabei ging es darum, die Stadtgrenzen abzuschreiten, damit jedes Mitglied wusste, welchen Bereich es zu sichern hatte. Dabei kamen etliche Kilometer zusammen. Dies geschah so stets am Tag nach dem Schützenfest über einen langen Zeitraum, der deutlich vor der ersten urkundlichen Erwähnung der Gilde aus dem Jahr 1575 liegt – in einer Pachturkunde vom 24. August 1575, wonach aus dem damaligen Gildevermögen Land an einen Bürger Melchior Heineke verpachtet wurde. Im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ließ der englische König Georg I., vormals Kurfürst von Hannover, die Schützenfeste verbieten – wegen „Raufereien, Völlerei, Schießunfällen und Sauferei“. Dadurch geriet nicht nur die Struktur der Gilde ins Wanken, sondern gleichsam der Standort so manches Grenzsteines. Ein ordentliches Grundbuch gab es nämlich nicht, lebende Zeitzeugen mussten als Garanten dienen, um bei Streitigkeiten mit anderen Gemeinden als Zeugen aussagen zu können. Bereiche, die einst im städtischen Besitz waren, schmolzen. Die Gilde wurde liquidiert, alle Besitztümer fielen an die Stadt, Pokal, Königsschild, Lade, Schießstand, Acker, alles wurde veräußert. Erst im Jahre 1741 wurde das Verbot der Schützenfeste im Land wieder aufgehoben. 1750 gründete sich die Schützengilde neu und die Ummärsche zur Protokollierung der Stadtgrenzen konnten 1752 wieder aufgenommen werden.

Spannend ist auch die Entwicklung der vier Gilde-Kompanien: Nach der Gildeordnung von 1669 musste dort jeder nach seinem Eintrittsalter in der Gilde antreten. Das zuletzt eingetretene Mitglied marschierte demnach hinten. Erst mit der Genehmigung der zweiten Schützengildeordnung von 1750 kamen zwei Kompanien zustande, die nach Wiedererstehen der Schützengilde im Jahre 1752 zum ersten Male in zwei Formationen marschierten. Die Initiative zur Entstehung dieser zwei Abteilungen (früher auch Claßen genannt) kam zweifellos aus den Reihen der sogenannten ersten Claße. Man verlangte zu damaliger Zeit als Kaufmann, Brauer oder Künstler Vortritt vor den Handwerkern. Nach vielen Meinungsverschiedenheiten wurde schließlich diesen Berufsständen die erste Claße zugebilligt, die sich auch mit „cives literati“, das heißt „gebildete Bürger“, bezeichneten. Eine Anmaßung, die in heutiger Zeit nicht mehr möglich wäre. Dieser ersten Claße, gekleidet im dunklen Tuch – jedes Textil lässt sich bekanntlich leicht dunkel färben, ein Pragmatismus – überließ man daraufhin bei allen Ausmärschen den Vortritt. Alle anderen bildeten die zweite Claße, deren Nachfolgerin offensichtlich die heutige Jägerkompanie ist. Die erste Claße ist der Ursprung der späteren Gardekompanie. Die Umbenennung erfolgte im preußenfreundlichen Zeitalter im Sinne alter Soldatentradition.

Seit wann die Jägerkompanie diese Bezeichnung trägt, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Umwandlung von „Claßen“ oder „Abteilungen“ in Kompanien innerhalb der Gilde kurz nach den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 erfolgte. Die Vermutung liegt also nahe, dass die ursprüngliche Handwerkerabteilung der Schützengilde sich 1821 laut der Jägerfahne, aus der damaligen Verehrung der „Lützower Jäger“ heraus, den Namen Jägerkompanie gegeben hat. Die Uniform der Jäger war und ist allgemein grün.

1877 wurde die dritte Abteilung gegründet. Als Uniform wählten die Mitglieder der Schützenkompanie, die wegen ihres Emblems auch Edelweißkompanie genannt wird, die seit 161 einheitliche graue Deutsche Schützentracht. 1894 wurde dann beschlossen, den Joppen ein kleidsames Aussehen zu geben. Deshalb wurden diese mit grünen Ärmelaufschlägen, gleichmäßigen Kragen und feinerer Einfassung verschönert.

Die vierte Kompanie, die Frackkompanie, besteht seit dem 10. Mai 1893. Den Frack als Uniform gab es bei der Lüchower Schützengilde allerdings schon in früheren Jahren, als die Gilde nur aus einer Kompanie bestand. Im Prinzip kleideten Sie sich wie die Gildebrüder im 18. Jahrhundert, die zum Schützenfest ihren Sonntagsrock, den schwarzen Anzug, anzogen und den Dreimaster aufsetzten. Heute sieht man die Frackkompanie im namensgebenden Kleidungsstück mit Zylinder. Die Frackkompanie wurde von Honoratioren gegründet und hatte ursprünglich repräsentative Aufgaben, etwa die Gästebetreuung und Begleitung. Seit 2005 nimmt diese Kompanie nicht mehr aktiv am Schützenfest teil,besteht aber noch.

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