Hitzacker. Selbst Menschen, denen klassische Musik eher fern liegt, sollten den Komponisten Franz Joseph Haydn (1732 – 1809) kennen. Denn eine seiner Kompositionen hörte man in jüngster Vergangenheit – zumindest bis zum 29. Juni – häufig: Haydn komponierte 1797 nämlich die Melodie der deutschen Nationalhymne 1797 – ursprünglich als „Kaiserhymne“ für den österreichischen Kaiser Franz II. mit dem Text „Gott erhalte Franz, den Kaiser“„. 1841 dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben das „Lied der Deutschen“ auf diese Melodie, wovon die dritte Strophe – auch bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko bei Spielen mit deutscher Beteiligung intoniert wurde.
Joseph
Deutschlands ältestes Kammermusikfestival, die Sommerlichen Musiktage Hitzacker (SMT) setzt in seiner 81. Ausgabe vom 25. Juli bis zum 2. August den Schwerpunkt auf Joseph Haydn. Auch jene, die meinen schon alles über Haydn zu wissen, werden überrascht sein, zumal die von Intendant Oliver Wille eingeladenen Musikerinnen und Musiker und Ensembles sich von Haydns Ideenreichtum, seinem Entdeckergeist und seinem Humor zu spannenden Querverbindungen anregen lassen. Das zeigt sich schon im Eröffnungskonzert von Giovanni Sollima & Friends. Von traditioneller Musik verschiedener Kulturen, über Eigenkompositionen und Improvisationen über Haydns Motive integriert der vielseitige, italienische Cellist auch das Bariton, das Lieblingsinstrument von Haydns Dienstherr Fürst Nikolaus von Esterházy. Abends gibt es mit „Trotz Haydn!“ einen außergewöhnlichen, speziell aufs Festival zugeschnittenen Liederabend mit unter anderem Dorothea Röschmann und Ian Bostridge. Zusammen mit Jan Philipp Schulze am Klavier spannen vier Sängerinnen und Sänger einen Bogen von Haydn bis ins heute, und das nicht nur klassisch. Dass Jazz auch ein „Haydn“-Spaß sein kann, beweisen Till Brönner und Frank Chastenier mit ihrer einfallsreichen Improvisationskunst.
Gegenüberstellung von Altem und Neuem
„Von wegen ,Papa Haydn‘“ heißt das diesjährige Motto. Haydn, geboren in Rohrau (Niederösterreich) als Sohn eines Wagnermeisters, wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. Er startete seine musikalische Laufbahn bereits mit acht Jahren als Chorknabe am Wiener Stephansdom. Den Großteil seines Berufslebens verbrachte er als Hofmusiker und Kapellmeister bei der wohlhabenden ungarischen Fürstenfamilie Esterházy (1761–1790). Am abgelegenen Hof war er gezwungen, neue Wege zu gehen. Haydn war ein Suchender, ein Erfinder. Er prägte das Komponieren nachhaltig – bis heute – und eröffnete der Musik neue Wege. Er schrieb über 100 Sinfonien und etablierte die viersätzige Form. Berühmt sind die Sinfonie mit dem Paukenschlag und die Abschiedssinfonie Streichquartette. Mit über 80 Werken machte er das Streichquartett zu einer gleichberechtigten Konversationsform zwischen vier Instrumenten. Inspiriert von Händel schuf er im Alter die monumentalen Meisterwerke „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“.
Bei den SMT gibt es zudem eine Gegenüberstellung von Altem und Neuem – auch mit „alten“ Instrumenten wie Theorbe und Cembalo. Die zweite Hörerakademie mit Oliver Wille und seinem Kuss Quartett beleuchtet Haydns Menuette, von denen es ebenso viele kunstvolle gibt wie Streichquartette. Die 2024 begonnenen Debüts sind wieder dabei, diesmal auf zwei ganze Festivaltage verdichtet , um zwischen den vielfältigen Programmen in den Pausen den Austausch mit den preisgekrönten jungen Talenten zu ermöglichen.
Haydn gewidmet sind auch zwei Abende mit Lesung und Musik. Ein bewegendes Finale gibt es mit einer Uraufführung, umrahmt von Ballett mit Solisten rund um den Choreografen und Solotänzer des Hamburg Balletts, Aleíx Martínez.
Kulturinstitution als Pionier der Nachhaltigkeit
Die SMT Hitzacker gehören übrigens zu den Pionieren unter den Kulturinstitutionen, die Nachhaltigkeit nicht auf ökologische Pflichtübungen beschränken, sondern als kulturelle Zukunftsaufgabe verstehen. Seit 15 Jahren verfolgt das Festival einen Ansatz, der bundesweit Beachtung findet. Was Nachhaltigkeit in Hitzacker bedeutet, geht weit über CO2-Bilanzen hinaus. Das Festival arbeitet mit einem erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff, der Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kultur zusammendenkt. Denn Kunst und Kultur – so die zentrale These – stiften selbst Zukunftsfähigkeit: Sie fördern Kreativität, machen Zusammenhänge erlebbar, schaffen soziale Orte und halten kulturelle Leistungen lebendig.
Diese Haltung zeigt sich im Programm: In den vergangenen Jahren haben Projekte wie „The Ocean is a Noisy Place“ oder „Imagined Garden“ gesellschaftliche Zukunftsfragen sinnlich erfahrbar gemacht durch Performances, Visualisierungen und Klänge. Das tägliche „Chorsingen für alle“ und Unterrichtsangebote fördern Kreativität und Teilhabe. Und im „Forum Nachhaltigkeit / Zukunftsfähigkeit“ verhandeln Expertinnen und Experten aus Musik, Kunst und Wissenschaft die Rolle von Kultur in einer nachhaltigen Gesellschaft – 2026 in einer Dialogveranstaltung (27. Juli, 15.03 Uhr im Archäologischen Zentrum Hitzacker, Eintritt frei) mit dem Göttinger Soziologen Prof. Dr. Berthold Vogel über das Festival als sozialen Ort.
„KommRein-Tickets“
Die SMT sind ein Festival, das aus dem Ort gewachsen ist und von vielen Menschen und Institutionen vor Ort getragen wird. Das zeigt sich nicht nur an der Nutzung der Festivalangebote, an Aufgaben, die während der Festivaltage übernommen werden, sondern auch daran, wie sich der Ort in diesem Jahr sichtbar bereit macht für das Festival: Die Initiative „Gemeinsam für Hitzacker e. V.“ hat zusammen mit den „Sommerlichen“ dafür gesorgt, dass bis zum Festivalstart Ende Juli der Ort von Sonnenblumen erfüllt ist.
Darüber hinaus hat das Festival ein Angebot gestartet, das gemäß dem Motto der Festivalgründer „Keiner bleibt draußen“ kulturelle Teilhabe ermöglicht: Dank der Förderung der Kulturstiftung Günther und Annemarie Gercken gibt es für diejenigen, für die der Eintrittspreis eine finanzielle Hürde darstellt, ein eigenes Kontingent von „KommRein-Tickets“. Solange der Vorrat reicht, sind diese nach dem Prinzip „Pay what you can“ erhältlich bei Anke Steffen im „Zwergenstübchen“ auf der Altstadtinsel in Hitzacker (Hauptstraße 20, mittwochs bis sonnabends ab 18 Uhr).

