bv Wietzetze. Für einen Moment wird es still im Zirkuszelt. Dann klettert Anne Krause nach oben. Immer höher, bis das elfjährige Mädchen aus Harlingen weit über den Köpfen des Publikums schwebt. Sie wickelt sich in die Vertikaltücher, dreht sich, lässt sich fallen – und fängt sich wieder. Ein paar Zuschauer ziehen hörbar die Luft ein. Anne macht weiter. „Wenn man runterschaut, hat man schon sehr viel Angst“, sagt sie später. Ein bisschen Höhenangst habe sie. „Aber es macht halt auch Spaß.“
Vielleicht ist das der Zauber des Kinder- und Jugendzirkus Zetzewitz: Angst haben – und es trotzdem tun. An diesem sommerlichen Wochenende steht das Zirkuszelt auf einem ruhigen Hof mitten in Wietzetze, gleich neben einer mächtigen alten Eiche. Eltern, Großeltern und Geschwister sitzen im Publikum. Vor ihnen mehr als 30 Kinder und Jugendliche, die in einer Woche eine erstaunlich professionelle Vorstellung auf die Beine gestellt haben.
Seiltanz, Kugellaufen, Akrobatik, Trapez, Vertikaltuch, Jonglage, Diabolos und Pois sind zu sehen. Ein Mädchen springt Seil, während es auf einem Ball balanciert. Es gibt Schaukeln, Clowns, ein Märchen vom Froschkönig auf Bällen und die „Tanzsäcke“: Kinder in Ganzkörperstrümpfen, die sich darin wie seltsame Wesen bewegen.
Die Musik dazu hat Jan-Luka Spychay ausgesucht. Mal treibt sie das Geschehen voran, mal schafft sie Spannung, mal verstärkt sie die Dramatik der Akrobatik. Aus den einzelnen Nummern wird eine richtige Show.
Auch Boris Voelkel, dessen Sohn Michel zum dritten Mal dabei ist, sitzt im Publikum. Zeitweilig hat er Tränen in den Augen. „Sehr berührend“, sagt er. Die Kinder präsentierten sich selbstbewusst und könnten auch einmal einen Fehler wegstecken. Vor allem aber hätten sie „leuchtende Augen“. Und noch etwas berührt ihn: Hinter dem Vorhang sitzen die Kinder nicht teilnahmslos herum. Sie schauen den anderen zu, fiebern mit, lachen miteinander.
„Die nehmen einen mit“, sagt Voelkel.
Im Zirkus Zetzewitz lernen Kinder nicht nur Kunststücke. Sondern dass sie sich vor hundert Menschen auf eine Bühne stellen, Fehler aushalten und einander vertrauen.
Einer, der diesen Weg selbst gegangen ist, ist Leon Beilke. Mit seiner Löwenmähne moderiert der 28-Jährige durch das Programm. „Ich bin jetzt zum 25. Mal dabei“, sagt er. Als kleiner Junge war er selbst Teilnehmer. Heute ist er Moderator und Trainer und hat miterlebt, wie aus einer Ferienfreizeit ein professionell ausgestatteter Kinderzirkus wurde – mit eigenem Zelt, einem großen Container und zahlreichen Geräten wie dem Balancierbalken.
Zum Jubiläum gibt es neue Unterstützung: Die Bürgerstiftung Dannenberg spendierte einen großen Container, die Sparkasse half finanziell bei der Ausstattung.
Doch die wichtigste Ressource sind die Menschen. Denn ehemalige Kinder kommen zurück – irgendwann als Betreuer und Trainer.
Auch Jan-Luka Spychay hat hier als Kind angefangen. Als junger Mann entschied er sich für eine Ausbildung zum Zirkustrainer und -artisten, besuchte drei Jahre eine Zirkusschule in Süddeutschland und kehrte später als Trainer zurück. Raymond Förster, heute Fahrradmechaniker in Freiburg und nebenbei Zirkustrainer, kommt ebenfalls jeden Sommer ins Wendland.
„Jeder Kinder- und Jugendzirkus ist irgendwie wieder eine schöne Erfahrung“, sagt er. „Oft einfach tolle Kids und tolle Teams.“
Insgesamt 60 Kinder haben in diesem Sommer an zwei einwöchigen Workshops teilgenommen. Die Nachfrage ist riesig.
Andrea Schulze, die den Zirkus vor rund 25 Jahren als Grundschullehrerin ins Leben gerufen hat, ist inzwischen pensioniert. „Unruhestand“ nennt sie das. Eigentlich wollte sie die eine Gruppe auf 30 Kinder begrenzen. Am Ende waren es 34.
„Die Qualität ist unglaublich gut“, sagt sie. „Wahnsinn, was die machen.“
Da ist die 15-jährige Paula Fischer, die bereits zum sechsten Mal dabei ist. Die 13-jährigen Zwillinge Greta und Ella Möhring gehören ebenfalls zum Zirkus. Und der neunjährige Ello ist zum dritten Mal als Clown dabei.
„Zu Hause mache ich auch immer den Clown, weil ich einen kleinen Bruder habe“, erzählt er.
Anne Krause steht inzwischen wieder auf dem Boden. Eben noch hing sie hoch oben im Vertikaltuch. Eine Freundin habe früher ein solches Tuch zu Hause gehabt, erzählt sie. Beim Zirkus lernte Anne die Technik richtig.
Angst habe sie durchaus, besonders beim Einwickeln für einen Fall. Trotzdem macht sie weiter. „Sonst macht es voll viel Spaß.“
Und dann kommt zum Schluss noch etwas, womit wohl niemand gerechnet hat: eine Feuershow. Mitten am helllichten Mittag werden brennende Keulen durch die Luft geworfen, gefangen und jongliert, ein spektakulärer Abschluss. Dann ist die Show vorbei.
Applaus brandet auf. Die Kinder kommen gemeinsam auf die Bühne. Einige strahlen, andere wirken erleichtert. Manche suchen die Augen ihrer Eltern im Publikum – die Bühne gehört ihnen.


